Vor ein paar Stunden zerschellte eine Germanwings-Maschine an einem Berg. In wenigen Minuten muss ich in meine Maschine steigen, um nach Hause zu kommen. Der Kurs geht auch geradewegs über die Alpen. Mulmiger Mist.

Beim Fliegen sage ich oft diesen öden Spruch: „Ist ja noch keiner oben geblieben“ – Nein, heute halte ich mal lieber die Klappe. Da sitze ich nun, in Genf am Flughafen, sauge jede Meldung über das Flug-Unglück der 4U9525 auf, jedes Fitzelchen, was der Ticker, Twitter und die Website ausspeit. Alles frisst sich in mein Hirn. Fassungslos beugt man sich über den Bildschirm, liest, schüttelt den Kopf, versteht es nicht. Es wird kirre im Hirn. Mein Chef telefoniert mit der Redaktion. Plant, checkt, organisiert. Ich checke nur, ob ich noch mal geschwind eine sau-nette sms schreiben soll, so vorsichtshalber eben. Es wäre ja das letzte, was man cleveres hinterlässt. Was liebes? Eine Offenbarung? Ein Kuss?

Flughafen
Die Alpen im Blick (foto: kai budde)

„Ich bin dann um 16 Uhr in Frankfurt.“ Hammer. Was für ein Satz, wie in Stein gemeißelt. Was für ein schäbiger Schrott. „Bording Time“. Mist. Der Kopf ist geflutet mit Infos aus dem Netz. An Bord noch flugs ein tolles Bild knipsen und posten – dann verliert sich mein Netz und mein Leben im Offline. Ein halb leerer Flieger. Sind da die meisten auf den letzten Drücker ausgestiegen? Sind es die, die am Ende die Story erzählen können, damals, als ich noch auf diesen LH-Flug Nummero Sonstwie gebucht war, der … „Hier spricht der Kapitän.“ Häh, wer? Achso. Wir fliegen heute einen anderen Kurs, der französische Luftraum hat heute irgendwelche Auflagen, da über den Alpen, erzählt er. „Ich weiß leider auch nicht warum.“ Ach Kapitän, erzähl doch nix. Stimmt! Erzähl doch lieber nix. Beredtes Schweigen. Danke. Hauptsache, du bringst mich, uns hier wieder nach Hause – an einem Stück bitte! Weil, meine letzten SMS waren jetzt nicht ganz so smart. Ich habe noch so manches vor, mein Leben soll ja nicht nur ein Pausensnack in der Geschichte sein.

Wir fliegen. In dieser gefühlt engen Flugbüchse

Ich mache wie blöde Fotos. Selfies. Grinsend, lächelnd, feixend. Ob so ein Smartphone eigentlich hält, im Falle eines … „Would you like something zu drink?“ Häh, was? Ja, Kaffee mit Milch bitte. Sie lächelt, nur ihre Augen nicht. Niemand lächelt so wirklich, auch die Crew wirkt anders. Ernst, als wäre heute ihr Lächeln zerschellt. Nur das kleine, japanische Kind brüllt, lacht, motzt den g a n z e n Flug.

Wolken
Oben Wolken, untern Alpen (foto: kai budde)

Wir fliegen. In dieser gefühlt engen Flugbüchse. Mein Schicksal liegt in den Händen des Kapitäns. Unter mir die Alpen. Irgendwo da unten, ach lassen wir das. Das Unfassbare kann man nicht fassen. Und es sollte ja noch unfassbarer, noch trauriger in den kommenden Tagen werden. Wir schweben über den Wolken, schmetterlingsgleich. Es sieht schön aus. Atemberaubend. Die Sonne spiegelt sich auf den Tragflächen. Die Wolken bilden einen weißen Teppich. Als wäre es eine Wolldecke.

„Es wackelt, es wackelt, es wackelt“

Wir gehen runter. Sinkflug. Durch die Wolken, es wackelt, es wackelt, es wackelt. Der Flieger rumpelt durch die Wolkendecke. „Ist ja noch keiner oben geblieben!“ Nein! Falscher Augenblick! Unter uns Frankfurt. Der Wald. Die Landebahn. Kein Berg. Harte Landung, gute Landung. Handy an. Es bimmelt wieder, es eilt wieder, es hungert wieder nach News. Der andere, normale Wahnsinn übermannt einen wieder. Aber wir haben Boden unter den Füßen. Gut gemacht, Kapitän. Eigentlich wie immer. Danke. Jetzt schreib ich erstmal eine SMS – und zwar eine gescheite.

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