Und auf einmal bin ich wach. Nicht wegen der Farbe Rot. In Rot färbt sich häufig der Ticker, wenn die eiligen Meldungen reinrauschen. „Eilmeldung“ – wenn die News nach Aufmerksamkeit schreit, still brüllt auf wenigen Tickerzeilen. Da bin ich zu abgebrüht, zu oft knallt da was rein, von Cricket-Meldungen und „Durchbrüchen“. Ich klick es meist müde weg. Dieses Mal nicht. Die Meldung schreckt auf. Es dreht sich um eine von uns, um eine Journalistin in einem Krisengebiet, die Kopf und Kragen riskiert. Für uns, die wissen wollen, was fernab unserer Breitengraden geschieht. Nur, nun es ist eFotoine bedrückende Eilmeldung – sie lässt schaudern. Sie kündet vom Tod von Anja Niedringhaus.

Die Agenturen melden eilig: Ausländische Journalistin in Afghanistan erschossen. Das am Vorabend der Wahlen. Die Taliban hatten angedroht, das Land mit Terror zu überziehen. Journalisten geraten da schnell ins mörderische Visier, versprechen sie doch große mediale Aufmerksamkeit im Ausland – die Taliban bomben sich quasi auf die Titelseiten und in die Fernsehnachrichten. Perfide Logik. Sie funktioniert.

Die ersten Medien eilen, auf Twitter verbreitet es sich wie ein Lauffeuer. Und die Quellenlage? Eine einzige Quelle! Kein gutes Zeugnis für die Branche. Wir haben Glück im Unglück. Unser Reporter ist in Afghanistan, wir rufen eilens an, es rauscht, es raschelt, es knistert in der Handy-Verbindung. Der Kollege kann es bestätigen: es  gab einen Anschlag, auf eine deutsche Kriegs-Reporterin, Anja Niedringhaus ist tot, erschossen von einem Polizisten. Zwei Quellen, eine eigene und zuverlässige, wir können eilen. Den Namen der Fotografin behalten wir erstmal für uns.

Warum eigentlich? Sollen es die Angehörigen über die Medien erfahren? Wollen wir die Menschen bis ins Mark erschüttern? Wir halten uns erstmal zurück, noch gibt es keine offiziele Bestätigung. Die Agentur der Journalistin sagt – noch – nichts, die Botschaft macht sich kundig.  Wir gewinnen keinen Blumentopf, die ersten zu sein. Am Ende verbocken wir es mit einem falschen Namen! Abwarten statt die Geduld und Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Doch dann twittert AP es selbst. Jetzt gehen wir auch mit Namen und Bild von der Reporterin raus, die Jahr für Jahr von Krisen und Kriegen berichtete. Die Fotografin war sehr erfahren. Die meisten kannten ihren Namen gar nicht, doch ihre unfassbar beeindruckenden Bilder schon.  Die Journalistin war nah dran. 2FotoSie hat von den Menschen, Krieg und Leid berichtet und es quasi via Foto sichtbar gemacht. Hier ein kleiner Eindruck ihrer Arbeit: http://irak.arte.tv/de/bilder-aus-irak/anja-niedringhaus-2/. .

Für ihre berührenden wie erschreckenden Fotos aus Kriegsgebieten hat sie viel riskiert.  Sie sagte mal: „Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt.“ Sie bekam für ihre Arbeit den Pulitzer-Preis. Auch, weil sie das grässliche Bild der Kriege ungeschminkt der Öffentlichkeit zeigte. Es waren aber auch immer Photos dabei, die selbst im schlimmsten Krieg noch Hoffnung verströmten.

 

ps.: Ein 15-minütiges Portrait über Anja Niedringhaus aus dem Jahr 2011

ps.: Wie sich Afghanistan entwickelt hat – aus der Perspektive der Reporterin, tolle Bildstrecke: The Atlantic

ps.: Terror mit Ankündigung: Terror der Taliban – Hintergrundstück vom ZDF

ps.: Anja Niedringhaus Fotoerzählt von ihrer Arbeit: Beitrag von Arte Was sie in Jugoslawien, Irak, Afghanistan erlebte.

ps.: Ihre eigene Website.
ps.: Reporter ohne Grenzen sind bestürzt – und erinnern: seit 2002 wurden mindestens 19 Journalisten in Afghanistan umgebracht.

ps.. ZDF-Reporter Uli Gack erzählt ausführlich, wie er in Krisen- wie Kriegsgebieten arbeitet.

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3 Gedanken zu “Die Frau, die Kriege sichtbar machte

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